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Vor 70 Jahren: Volksabstimmung im Saargebiet

„Genossen, haltet die Saar!“

 Es hätte ein Signal gegen Hitler werden sollen. Am 13. Januar 1935 waren die Saarländer aufgefordert, sich für Deutschland, für Frankreich oder aber einen Sonderstatus zu entscheiden.

Der Volksentscheid ergab sich aus der Situation nach dem ersten Weltkrieg. Nach dem Versailler Vertrag, der 1920 in Kraft trat, sollte Paris zwar die Kohlegruben des Saarreviers bekommen, aber der ebenfalls gewünschte Anschluss an Frankreich war nicht zu haben. Daher die diplomatische Zwischenlösung mit einer Regierungskommission, die vom Völkerbund in Saarbrücken eingesetzt wurde. Nach 15 Jahren sollte mit einem Plebiszit über die endgültige Zugehörigkeit des Saargebietes entschieden werden. Es war bei dieser Abstimmung aber auch möglich, die Völkerbundsverwaltung weiterzuführen („Status quo“).

Die Volksbefragung hätte also tatsächlich ein Signal gegen die Nazis werden können. Wie wichtig sie damals genommen wurde, zeigt ein Lied von Brecht und Eisler, in dem es heißt: „Die uns das große Deutschland/ Zerfleischten ganz und gar/ Jetzt strecken sie die Hände aus/ Nach unserer kleinen Saar./ Haltet die Saar, Genossen/ Genossen, haltet die Saar./ Dann werden das Blatt wir wenden/ Ab 13. Januar.“ Der Widerstand gegen ein Votum zugunsten Berlins kam vor allem von der Linken. Status-quo-Anhänger gab es aber auch unter den saarländischen Katholiken.

Aus dem Signal wurde nichts, im Gegenteil. Es stimmten 90,8 Prozent der knapp 530.000 Wählenden für einen Anschluss an das Deutsche Reich. Für Frankreich votierten 0,4 Prozent, für die Beibehaltung des Völkerbundsstatus waren 8,8 Prozent. Hitler konnte zufrieden sein.

Der Abstimmungskampf war auch eine wüste Propagandaschlacht  mir rauen Methoden und scharfen Parolen. Auf den Plakaten der einen stand: „Nix wie hemm!“, heim ins Reich; bei den anderen hieß es: „Der braune Tod vor den Toren!“

Die Nazis hatten längst Strippen gezogen, machten sich das Leitmedium Saarbrücker Zeitung („Organ der Deutschen Front“) gefügig, um gezielt nationale Töne anzuschlagen und antifranzösische Gefühle zu verstärken. Zu dem Psychoterror, dem die Bevölkerung zwei Jahre ausgesetzt war, gehörten Sätze wie: „Wir kriegen 97 Prozent. Die drei Prozent sind Semiten, Marxisten, Verräter.“ Gesprochen hat sie der Anführer dieser „Deutschen Front“.

Trotz des Drucks traten diejenigen, die am 13. Januar klar gegen Hitler stimmen wollten, in der Öffentlichkeit auf. Der Chefredakteur der konservativen „Saarländischen Landeszeitung“, Hoffmann, brachte die Haltung der Verweigerer auf den Punkt: „Wir wollen zu Deutschland, wenn Deutschland wieder frei ist“, schrieb er, und es kostete ihn den Job. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Johannes Hoffmann legendärer Ministerpräsident des Saarlandes.

„Die im Status quo verharrende, deutsch sprechende Saar muss zu einem festen Punkt werden, von dem aus das Dritte Reich und seine unmenschlichen und mittelalterlichen politischen Methoden aus den Angeln zu heben sind!“ Das schrieb der Autor Theodor Plivier.

Aber es scheint, dass von dem Begriff des Status quo viele überfordert waren. Dem Wahlkampf der Linken fehlte eine griffige Botschaft, die bei den Gegnern mit Heimat und Nation leicht zu finden war.

Status quo – das klang eher verdächtig. Die vielen Bergleute und ihre Familien brachten mit dem Begriff vor allem die Rolle der französischen Minenverwaltung in Verbindung, mit der sie aber bislang nicht die besten Erfahrungen gemacht hatten. Und es war ja auch von den Völkerbundstrategen nie richtig definiert worden, was der Status quo auf längere Sicht insbesondere für die Selbstbestimmung der Saarländer bedeutet. Und sie hatten sich um die – psychologisch enorm wichtige - Frage gedrückt, ob es im Fall des Status quo auch eine erneute Abstimmung geben werde, sobald sich die Dinge in Deutschland zum Besseren gewendet haben. Die Saarländer fühlten sich allein gelassen, auch mit dem Gefühl, dass die bisherige Völkerbundszeit mit Sicherheit kein mustergültiges demokratisches Projekt darstellte.

Am 13. Januar 1935 gingen sie also durch Schneematsch zur Wahl. Die Wahlbeteiligung erreichte 98  Prozent. SA und SS allgegenwärtig, ausgerechnet als „Ordnungsdienst“. Unverhohlene Drohungen vor den Wahllokalen. Seit wenigen Tagen war bekannt, dass sich Polizeichef Hennesy, ein Engländer, mit der Chefagitatorin der Nazis, Gräfin von Roedern, gemein gemacht hat.

„Der Saarländer war und blieb am Abstimmungstag unter dem gewaltigen psychologischen Eindruck, dass Hitler bereits praktisch die Macht an der Saar ausübe und von niemandem mehr an der Durchführung irgendwelcher Absichten gehindert werde“, erinnert sich Max Braun, einer der sozialdemokratischen Gegner der Deutschen Front.

Max Braun war es auch, der bereits wenige Tage später öffentlich von Manipulation sprach. Die Stimmung im Volk sei keineswegs so eindeutig gewesen, wie das Ergebnis es nahe lege, außerdem seien gefüllte Wahlurnen ausgerechnet in einem Naziquartier aufbewahrt worden. Es ist viel darüber geschrieben worden, dass das Abstimmungsergebnis eine Fälschung war. Aber strenge Beweise wurden nicht gefunden, genau so wenig freilich wie die Beweise dafür, dass alles sauber abgelaufen ist.

Braun verließ bald das Saargebiet in Richtung Frankreich. Dort richtete er auch eine Beratungsstelle für Saarflüchtlinge ein, von denen es jetzt viele gab.  Sie hatten sich aus dem Reich an die Saar gerettet, jetzt wurde es für die Gegner der Nazis auch hier zu heiß. Mit der Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses begann der Auszug tausender Exilanten.

Am 1. März 1935 wurde das Land, als Teil eines Gaues Saarpfalz Teil des Deutschen Reiches. Nach dessen Untergang wurden die Dinge für die Saarländer dann vorübergehend noch einmal unklar. Sieger Frankreich stellte erneut Ansprüche, bekam wieder die Grubenverwaltung, und das Saargebiet wurde mit einer staatlichen Teilautonomie in den französischen Wirtschaftsraum eingegliedert. 1955 gab es wieder eine Volksabstimmung, eine klare Mehrheit entschied sich, Land der Bundesrepublik Deutschland zu werden.

© Wolfgang Kerkhoff, Januar 2005

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