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Foto: Pierre Fernand Etienne Fabre, 1952  (Creative Commons)

        

 

„C’était un homme beau et bon.“
Charles Aznavour



Ein sensibler Humanist

Georges Brassens hat etwa 140 Chansons geschrieben, und ungefähr genau so viele Bücher sind über ihn erschienen. Kann man da in einer ihm gewidmeten Ausstellung überhaupt noch etwas Neues entdecken? Man kann!

Der Generalrat des Départements Moselle beweist es gerade in Manderen. Dort sind bis 1. September rund 500 Objekte, Bilder und Dokumente zu sehen. Durch sie kommt man an Brassens noch einmal ein Stück näher heran. Viele von ihnen waren bisher auch denen unbekannt, die mit Werk und Biografie des großen Poeten vertraut sind. Fotos vom erwachsenen Georges ohne sein Markenzeichen, den Schnurrbart, wer hätte das gedacht? Eine letzte Strophe des „Gorille“, die er (übrigens zu Recht) vor der Veröffentlichung verworfen hat. Die Hammond-Orgel des Meisters, auf der er am liebsten komponierte.

Brassens’ Neffe Serge Cazzani, der die Rechte des 1981 Gestorbenen verwaltet, hat mit seiner Frau Martine selbst vieles beigesteuert, anderes stamm aus den Privatsammlungen von Weggefährten aus 30 Jahren Bühnenkarriere.

Hinter den groben Mauern des Château Malbrouck taucht man hier sehr schnell ein in eine subtile Welt der Poesie. Für viele Besucher bildet ein Live-Mitschnitt von 1972 das Herzstück dieser Ausstellung. Das Institut national de l’audiovisuel INA hat ihn zur Verfügung gestellt, bisher gab es nur kleine Happen davon auf Youtube. Brassens trat damals im Pariser „Bobino“ auf, war längst ein Star, aber immer noch - das zeigt dieser Film – etwas irritiert vom eigenen Erfolg. Es begeistert, ihn so in Nahaufnahme zu sehen, wie vor lauter konzentrierter Anstrengung literweise Schweiß fließt, wie der Sänger sich kindlich darüber freut, dass sein Publikum schon die ersten Takte jeder Melodie mit Applaus quittiert, wie bewegt er ist, als am Ende des Konzerts das Orchester sich Instrument für Instrument so ganz unaufdringlich in seinen Rhythmus einblendet. Und manchmal, zwischendurch, schaut er wie ein Spitzbube in den Saal hinunter, als hätte er die Tiefe eines virtuosen Wortspiels oder einer historischen Anspielung gerade selbst erst entdeckt.

Georges Brassens wäre im Oktober 92 Jahre alt geworden. Aber er schaffte es nicht, der Nieren wegen, verschwand schon 1981 für immer. Was für eine Erinnerung: Allerheiligen vor 32 Jahren, zufällig unterwegs von Limoges über die Dörfer nach Paris. An jeder großen Kreuzung gab es Chrysanthemen. Auf allen Kanälen lief nur Brassens. „Il est mort, le poète“, hatte der „Parisien“ auf dem Titel, und „Libé“ sagte es auf ihre Art: „Brassens casse sa pipe“. Es war zum Heulen, seine Gedichte auf diese Weise in geballter Form alle wiederzuhören.

„Gedichte“? Ja, was Brassens gemacht hat, waren Gedichte. Auf Augenhöhe mit Villon, Baudelaire, Lamartine. Er selbst hat sich an diesen Schwergewichten gemessen und – zu leicht befunden. Er hielt sich für nicht gut genug und wagte deshalb einen persönlichen Paradigmenwechsel. Auch ihn zeigt die Ausstellung von Manderen nun in aller Klarheit. Mit Musik wurden seine Gedichte etwas ganz Besonderes. Die Chansonniers seiner Zeit hatten nicht den gleichen poetischen Tiefgang, nicht die Sprachgewalt. So entstand Brassens’ Alleinstellungsmerkmal, das nun schon Generationen überdauert, und er hatte zu seinen Lebzeiten schon mehr als 20 Millionen Schallplatten verkauft!

Der Dichter nannte sich selbst lieber „faiseur de chansons“ oder „humble faiseur de couplets“, mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Bescheidenheit.

Trotz Knast-Erfahrung in der Jugend blieb er ein Leben lang vor allem ein sensibler Humanist, dem Heuchelei, Konformismus und Selbstgerechtheit ein Dorn im Auge waren. Als man ihn in den 40-er Jahren zwang, in Basdorf bei Berlin für die Luftwaffe der Nazis Flugzeugmotoren zusammenzuschrauben, hielt er es eine Zeitlang aus, überspielte seine innere Empörung mit ironischen Liedtexten, aber dann nutzte er einen Heimaturlaub, um aus dem Arbeitslager nach Paris zu desertieren. Als Zwangsarbeiter wurde er zu dem Pazifisten, dem wir grandiose Chansons wie „Mourir pour des idées“ verdanken.

Die Ausstellung im Château Malbrouck arbeitet biografische Details fein heraus, man muss sich vor allem Zeit lassen, die Autographen und Familienfotos wirken zu lassen, um dann Brassens tatsächlich ein gutes Stück näher zu kommen.

Ein dreisprachiger Katalog bringt auf 200 Seiten viele Bilder und Details der Ausstellung. Leider wirkt der deutsche Text eher wie eine maschinelle Übersetzung.

 

© Wolfgang Kerkhoff, 2013
 

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