> menschenwelt
 
kontakt
 
web-links
intern
impressum
 

        

 

Wibke Bruhns: Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie. Econ 2004.


Aufgetaucht aus der Flut

Es muss ziemlich geklatscht haben, denn die 65-Jährige erinnert sich immer noch gut an die Ohrfeige, die sie sich mit sieben eingefangen hatte. Sie hatte damals mit einer Kinderfrage ein Tabu verletzt. „Wo ist denn die Liebe zum Führer geblieben?“, wollte sie wissen. Im Sommer 1945 konnte das heftige Emotionen auslösen.

Die Episode steht am Ende eines Buches, dessen Ziel es ist, dieses lang wirkende Familientabu noch einmal rückwirkend zu betrachten und in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Dass Wibke Bruhns sich dem Stoff als Journalistin nähert, nicht als Historikerin, macht diese 380 Seiten starke und detailreiche Erkundung angenehm leicht und verdaulich. Fachliche Mängel, inzwischen öffentlich gerügt, seien ihr dabei nachgesehen.

Die Autorin war bei Kriegsbeginn ein Jahr alt, der Vater als Soldat verschwand weitgehend aus ihrem Leben. Das Leben von Hans Georg Klamroth, Jahrgang 1898, endete nach einer Offizierskarriere und einer Stabsaufgabe beim Oberkommando der Wehrmacht im August 1944 „an einem Fleischerhaken“ in der Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee.

Wie es dazu kam, das ist die Geschichte von „Meines Vaters Land“. Wibke Bruhns kann sich auf ein ungeheuer dichtes Material stützen. In der Familie wird zu allen Zeiten viel geschrieben und auch gut beobachtet. Es gibt ein Hochzeitsreisen-Tagebuch, es gibt Geschäftsberichte des Handelsunternehmens I.G. Klamroth, es gibt Speisepläne, Gästelisten, ein Verzeichnis der Weihnachtsgeschenke und sogar eine Aufstellung der Ostereier-Verstecke in Haus und Garten. Sehr ergiebig sind die von der Mutter geführten „Kindertagebücher“ und eine reiche Korrespondenz.

„Ich kann den Vater betrachten, ich kann versuchen, ihn zu verstehen, vielleicht kann ich ihn lieben, und ich würde ihn gern trösten“, schreibt Wibke Bruhns zu ihrer eigenen Motivation. Diese ist sehr persönlich, aber es gibt auch eine historische Dimension; denn Hans Georg Klamroth („HG“) wird im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 durch Roland Freisler zum Tod verurteilt; sein Name stand in den Adressbüchern, die von der Gestapo bei den „Verschwörern“ gefunden wurden. Direkt beteiligt war er aber wohl nicht.

In der Familie wurde über seine Rolle und seine Entwicklung systematisch geschwiegen. Jetzt entsteht vor den Augen der Leser eine durchaus plastische Figur, an der auch die Zerrissenheit mancher Seele unter der Naziherrschaft deutlich wird.

HG – das ist eine maßlose Vaterlandsbesoffenheit seit dem 1. Weltkrieg, das ist Unbehagen am Nazi-Pöbel, das ist aber auch eine Mitgliedschaft in der SS. HG setzt sich der Verfolgung aus, weil er Juden schont, aber im ersten Krieg hat er einen harmlosen Schweinedieb erschossen. HG liebt mehr als 20 Jahre lang seine Else, aber er mutet ihr zahllose Affären zu.

Bei seinem Verhältnis zu den Nazis ist einmal von „hineinrutschen“ die Rede. Bezeichnend dafür ist die Episode des „Familientags“ der Klamroths im Jahr 33. Bei diesem jährlichen Sippentreffen, das man auch als Hauptversammlung einer Gesellschaft verstehen kann, wird das „Grundgesetz des Klamrothschen Familienverbandes“ um einen Paragrafen erweitert: den Arier-Paragrafen. Wer einen nichtarischen Partner oder eine nichtarische Partnerin heiratet, schließt sich selbst aus der Gemeinschaft aus. Keine Widerrede, notiert das Protokoll, einstimmige Annahme, auch durch HG. Sehr früh, das Ganze, vorauseilend jedenfalls.

Wie das Hineingleiten an anderer Stelle passierte, aber immer wieder auch innere Widerstände (zum Beispiel gegen die Judenboykotte und den Pogrom) sich meldeten - all das wird packend beschrieben, viele Originalzitate geben dem Text eine hohe Verbindlichkeit. Zuweilen schaltet sich die Autorin ein, kommentiert die eine oder andere Stelle, die ihren Vater wirklich als Fiesling erscheinen lässt. Insgesamt hält sie sich mit solchen Urteilen aber zurück, schildert eher, als dass sie bewertet.

Für diese auffällige Vorsicht zitiert sie übrigens selbst einen Kronzeugen: „Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut, in der wir untergegangen sind, gedenkt, wenn ihr von unseren Schwächen sprecht, auch der finsteren Zeit, der ihr entronnen seid.“ (Bertolt Brecht)

© Wolfgang Kerkhoff, Januar 2005

zurück zur Übersicht