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Auf den ersten Blick hat das „Concorde“ nichts Besonderes


Feuchte Augen

Bierkultur in Casablanca

Das Café "Concorde" liegt ziemlich zentral in Casablanca, am Rondpoint „Mers Sultan“. Draußen trinkt man Milchkaffee oder Minztee, schlägt auf geflochtenen Stühlen die Beine übereinander und liest das „TelQuel“ oder die Tageszeitung. Man trinkt Cola light oder Tonic und kommentiert in gesetzten Worten die neueste Insolvenz in der Stadt.
Aber: Drinnen ist das wahre Leben. Unzählige leidenschaftlich bewegte Männerstimmen machen es schwer, überhaupt eine Bestellung aufzugeben. Der Kellner in schwarzer Weste und weißer Schürze hat aber längst verstanden – „une spéciale!“ Das ist eine kleine grüne Flasche mit 24 Centilitern Inhalt, und sie steht hier auf allen Tischen. Im Innern ist das „Concorde“ nämlich eine der beliebtesten Bierkneipen. 
Die Gäste schnappen und schlucken, als gäbe es ein Gesetz, in der verfügbaren Zeit (etwa Mittagspause) möglichst viele Spéciale-Einheiten zu vernichten. Das macht dann jeweils 13 Dirham, also etwa 1,10 Euro für jedes „bière de prestige“. 5,2 Prozent Alkohol, das steht auch noch auf dem Etikett.
Die Kunden sind männlich. Sie kommen aus allen Altersgruppen. Einer trägt unverkennbar die Arbeitskleidung eines Malergesellen, ein anderer trägt Djellaba und hat einen Laptop vor sich. Der Stubenälteste gleicht Erich Honecker auf den Strohhut genau, allerdings mit einem deutlichen Bauchansatz.
Sie knabbern Erdnüsse, picken mit einem Zahnstocher Oliven. Sie telefonieren lautstark, sie rufen, lachen und streiten ein bisschen über Pferde- und Radrennen. In der Ecke gestikulieren sie, als müssten hier und heute alle Welträtsel gleichzeitig gelöst werden. 
Trotzdem wirken alle zufrieden, manche haben ganz feuchte Augen, wenn auch nicht aus Rührung. Der Umstand erklärt sich eher, wenn man die Kreuze auf dem Butterbrotpapier sieht, das jeder vor sich hat. Zehn sind keine Seltenheit.
Die allermeisten hier handeln illegal. Sie sind Muslime und dürften eigentlich keinen Alkohol trinken. Marokko versteht sich als Staat auf islamischer Grundlage, der König, dessen Porträt auch im „Concorde“ an der Wand hängt, hat es gerade noch einmal im Fernsehen bekräftigt. „Also könnte im Prinzip jeden Moment die Polizei hier hereinstürmen?“
Der Kellner, der wie ein Verwandter von Omar Sharif aussieht, zögert nur kurz, schnalzt mit der Zunge. „Unwahrscheinlich.“ Abderrahmane an der Theke springt ihm bei: „Wir sind ein modernes europäisches Land.“ 
Aber ein Bier draußen auf der Terrasse des „Concorde“ zu trinken – nein, das würde er niemals machen: „Warum auch provozieren?“ Ja, es hat übrigens schon Strafen deswegen gegeben. 
Sein Thekennachbar Raschid will demnächst die Probe aufs Exempel machen: „Ich setze mich raus. Die wollen in Marokko den Alkoholtest für Autofahrer einführen, das hat doch keinen Sinn, wenn wir nichts trinken.“

© Wolfgang Kerkhoff, 2005

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