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Foto: (c) Bundesarchiv, Bild 175-04413 (Ausschnitt)

        

 

Iris Hanika: Das Eigentliche. Droschl, Graz/Wien 2010, 175 Seiten


Hans im Unglück

Wer etwas „bewirtschaftet“, hätte gern, dass dabei am Ende finanziell etwas hängen bleibt. Man kann Felder oder Parkraum bewirtschaften, aber Vergangenheit? Dass es in Iris Hanikas Buch ein „Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung“ gibt, von „Bewältigung“ des Gewesenen also gar keine Rede mehr sein kann, nährt von Beginn an die Neugier: Wie wird sie bei dem nicht erst mit Walsers Schlussstrichrhetorik so kantig gewordenen Nazi/Schuld-Thema die Kurve kriegen, damit es nicht peinlich wird? Aber es wird nicht peinlich, es wird gut. Die Autorin, Jahrgang 1962, hat einen ganz neuen Tonfall gefunden.

Sie erzählt eine Woche im Leben des Hans Frambach, der sein Geld damit verdient, in dem erwähnten Institut den Horror des Holocaust zu inventarisieren. Der dies einmal für wichtig, das Eigentliche, hielt. Dem es nun aber übel wird über all der großzügig inszenierten Betroffenheit, mit der Deutschland Gedenken betreibt. Schrecklich ist für ihn, dass es offenbar den anderen kaum noch wehtut, ihm aber sehr wohl. Sein Chef bedauert einmal, dass für eine Gedenkstätte das Geld fehlt, es gebe halt „noch zu viele ehemalige Zwangsarbeiter, die entschädigt werden müssen“. Einer von vielen Tropfen, die Hans’ Maß voll machen. Er erlebt eine Krise und erlebt intensiver als je vorher seine Einsamkeit, sein Unglück. Dagegen hilft auch keine Graziela, mit der er eine trompe-l'œuil-Beziehung bewirtschaftet, die aber zu kippen droht, als die Freundin vorübergehend meint, in der Mätressenrolle für einen feigen Joachim das Wesentliche zu entziffern.

Die Gestalt Frambach hat Hanika sorgsam gezeichnet. Man ist geneigt, dem grauen Archivar, den die Arbeit unfrei macht, alle seine Neurosen nachzusehen und ihm zu Gute zu halten, dass er mit dem zweiten Aufschlag zum eigentlichen Eigentlichen doch noch vorgedrungen ist, zum Hier und Jetzt. Er hat diese besondere Form von Überdruss überwunden, die früher einmal Akedia genannt und als Sünde am Leben betrachtet wurde.
Über Melancholie und Akedia findet sich in „Das Eigentliche“ ein schönes Intermezzo - Teil einer Komposition aus beredsam erzählten Szenen, weniger eines klassischen Romans. Iris Hanika hat von einem „verzerrten Selbstporträt“ gesprochen, das sie da abgeliefert habe: „Ich musste das schreiben, damit ich das loshabe.“

Ein beachtliches Buch. Seine bewegendste Passage beschreibt, wie Hans Frambach bei einem Besuch in Auschwitz-Birkenau die ganze Wucht der Verbrechen spürt, zugleich aber auch, dass selbst an diesem Ort Erinnerung nur stilisiert wird - auf eine geradezu frivole Weise. „Es ist grotesk, dachte er, ich darf das nicht, ich darf diesen Weg nicht gehen, nicht so, ich darf nicht aus freien Stücken diesen Weg gehen, diesen Weg von der Rampe in den Tod.“

 

© Wolfgang Kerkhoff, Dezember 2010

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