> menschenwelt
 
kontakt
 
web-links
intern
impressum
 
 
Foto: (c) Deutschsprachige Katholische Gemeinde
Athen (bearbeitet)

        

 

Ilka Piepgras: Meine Freundin, die Nonne. Droemer Knaur, München 2010, 296 Seiten


Ein ganz besonderes Ja-Wort

Um die relativierende Frage abzuwürgen, warum überhaupt in einem Individuum Frömmigkeit entsteht, hat Johannes Calvin den sensus divinitatis erfunden. Dieser sei ein „natürliches“, also nicht bezweifelbares „Ahnvermögen“, das jeder Mensch besitze und das ihm eingebe: Glaube an Gott! Wer es nicht tut, der hat einen Defekt.

Ob einer den Weg zur Spiritualität findet, dafür gab und gibt es jedoch viele ganz diesseitige, oft zufällige Gründe. Ich bin sehr dafür, diese im Wesentlichen als Privatsache anzusehen. Ich freue mich aber auch, wenn jemand bereit ist, darüber zu reden und zu schreiben. Das Buch von Ilka Piepgras liefert dazu erhellende Stellen. Kern der – wahren – Geschichte ist die Wiederbegegnung zweier Freundinnen nach 20 Jahren. Die eine ist jetzt Redakteurin bei der „Zeit“, die andere aber griechisch-orthodoxe Äbtissin in Thessalien. „Diodora“ heißt sie jetzt, und sie versucht in mehreren Anläufen zu erklären, warum sie 1987 ein ganz besonderes Ja-Wort gegeben hat. Die Frage, die ein Athos-Mönch ihr bei einer eher beiläufigen Begegnung damals gestellt hatte: „Do you want to make your heart a church of Christ?“

Sie geht also ins Kloster nach Griechenland, sie schließt trotzdem ihr Berliner Kunststudium ab, sie studiert in Athen Theologie und Philosophie, sie wird Klosterchefin, sie schiebt ein Jurastudium in Toulon nach, sie verklagt erfolgreich den eigenen Bischof. Die Diesseitigkeit dieser Frau, die sich so nah an der Transzendenz erlebt, ist verblüffend. „Im Westen“, sagt sie, „ist Glaube wie ein Bonbon mit Papier im Mund, in der Orthodoxie ist es das Bonbon pur.“

Die andere Hauptfigur des Buches ist die Autorin. Sie lässt uns ihr Gerangel mit dem eigenen sensus divinitatis miterleben. Diese meditativen Passagen des Textes sind Gegenstücke zu den Interviews, die sie mit Diodora im Kloster Karditsa führt, und nicht weniger authentisch. Reminiszenzen an die gemeinsame Zeit in Homburg an der Saar sind reizvoll verstrickt mit sehr persönlichen Betrachtungen über Familien und ihren Einfluss auf die Entstehung oder das Ausbleiben von Frömmigkeit. Ein schönes Buch, anreizend, spannend sogar.

© Wolfgang Kerkhoff, August 2010

zurück zur Übersicht