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Wie ich einmal in der Schule etwas lernte

Für das unbefangene Auge vollzog sich mein Übergang von der Christlichen Gemeinschaftsschule Altstadt zum Knabenrealgymnasium Homburg nahezu reibungslos. Allerdings entstand, als wir Mitte der 60er Jahre an der Unteren Allee einen Klassensaal für Sextaner bezogen, schon am ersten Tag eine schwere Verunsicherung. Auf meiner neuen Bank fand sich nämlich rechts oben ein liebevoll ziselierter Eintrag. Unter Typographen: eine saubere Groteskschrift. Ins Holz geritzt, mit türkisfarbener Tinte fein nachgezogen. Goethe hätte vielleicht gesagt: „anmuthig tatuieret“. Aber was da zu lesen war, ging ganz über meinen Verstand: „Vögeln“.

Zwar besaß ich einen großen Bruder, von dem ich bereits viel gelernt hatte; zwar besaßen meine Eltern eine Dorfkneipe … aber: „Vögeln“? So ganz ohne ein weiteres Wort und ohne Fußnote?

Es quälte mich. Ich wusste doch sonst immer alles. In Deutsch fühlte ich mich jedenfalls sicher, also sagte ich laut: „Das heißt in der Mehrzahl ‚Vögel’.“
Mein neuer Banknachbar konterte allerdings ohne Bedenkzeit: „Nee, ‚Vögeln’ ist gut!“ Dabei strahlte er auf rätselhafte Weise.

Natürlich vollzog sich dieser Dialog noch in unserer Mundart: „Fechel“ vs. „Fechele“. War ich nun trotzdem, fünfeinhalb Kilometer von daheim, in der dünnen Luft der Gebildeten angelangt, wo nichts mehr sein sollte wie früher, alles schwerer? Die Not wuchs. Fast hätte ich um Réexpédition nach Altstadt gebeten. Aber das Rettende wuchs auch.

Und zwar sehr rasch, am nächsten Morgen, in Gestalt eines Kumpans aus der Bankreihe am Fenster, der eine Clubjacke mit Goldknöpfen und einen Ranzen mit Geheimfach bei sich hatte. In letzterem befand sich - wohl ohne Zufall - eine „Bierzeitung“ seines Vaters, der Jurist war und noch gar nicht so alt. In dieser lebensfrohen Publikation nun tauchte der schwierige Begriff gleich an mehreren Stellen auf. Ich war beruhigt. Kein Grammatikfehler auf meiner Bank.

Ich wusste jetzt natürlich, was hinter dem Ganzen stand. Aber erst nachdem ich einige illustrierte Exzerpte aus der Bierzeitung angefertigt und meinen großen Bruder hochnotpeinlich zur Sache vernommen hatte, stand für mich fest: Gut, dass es das Knabenrealgymnasium Homburg gibt!

Die Parole auf der Bank begleitete mich ein ganzes Jahr, in dem ich meine Kenntnisse zum Thema eifrig vertiefte. Als die Inschrift einmal auffiel, sogleich ‚Schmiererei’ genannt und ich dem Kreis der Verdächtigen zugerechnet wurde, da sagte ich – ohne zu zögern und womöglich aus Dankbarkeit für dieses Bildungserlebnis: „Ja, ich.“

© Wolfgang Kerkhoff, 2008

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