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Maria Elisabeth Straub: Das Geschenk. Zürich, Diogenes 2007, 333 Seiten, 9,90 Euro


„Ich nehme den besseren“

Jesus hat verdammtes Glück gehabt. Fast wäre er Opfer eines Abbruchs geworden; denn seine jugendliche Mutter wollte ihn nicht gebären. Das Kind war ihr nicht geheuer, weil nur der eigene Vater als Vater in Frage kam.
Das ist die spannende Perspektive, die Maria Elisabeth Straub in ihrem Roman „Das Geschenk“ einnimmt. Wer will, kann sich darüber empören. Wer will, kann aber auch mit Neugierde weiterlesen. Er oder sie wird dann erfahren, wie es damals, im leicht zurückgebliebenen Nest Nazareth hätte gewesen sein können.
Wie es die Bibel zeigt, genügten weder harte Sprünge in den Keller noch unreife Granatäpfel und die wilde Zaunrübe, um die ungewollte Schwangerschaft zu beenden. Die verzweifelte, einsame angehende Mutter meditiert, irgend etwas Höheres bestärkt sie nun darin, das Kind auszutragen – ausdrücklich zu wollen. Nicht leicht in einer Zeit und einer Gegend, in der für solche Fälle Steinigungen vorgesehen sind.
Die junge Frau, deren Namen nach einer etwas eigenwilligen Deutung der Autorin „Geschenk“ bedeutet, lässt sich bekanntlich mit einem alten Zimmermann verkuppeln, der mit ihrer Mitgift seine Firma saniert und dem es bis zum Schluss ziemlich egal ist, wer seine Frau vorehelich geschwängert hat.
Wie die Bibel aber auch zeigt, entwickelt der Erstgeborene dieser Ehe ein außerordentliches Selbstbewusstsein. Ein etwas arbeitsscheuer, aber hoch auffliegender Geist, der sich wichtig nimmt, auch als noch kaum einer ihn kennt. Wo kommt das her? Nach der Straubschen Lesart war es wohl die Notlüge seiner Mutter, die ihm gerade den Inzest gebeichtet hatte: „Es war der heilige Geist, der meinen Vater auserwählt hat, um über diesen in mich hineinzugelangen.“ Jesus ist ein wenig geschockt, denkt nach, entscheidet sich dann aber ganz pragmatisch für den heiligen Geist als seinen wahren Vater: „Ich nehme den besseren.“
Das alles ist reizvoll und rührend erzählt, manchmal mit Flüchtigkeitsschwächen in der Sprache. Die Geschichte spielt am Tag von Josefs Tod, lebt aber von detailreichen Rückblenden auf die eher harten Phasen im Leben einer Frau, die Maria hieß, ihren eigenen Kopf hatte und wahrscheinlich nur eine von sehr vielen war.

Maria Elisabeth Straub, Jahrgang 1943, schreibt seit 1970. Kaum jemand weiß, dass die meisten Skripte für die noch junge „Lindenstraße“ von ihr stammten. Bekannt geworden sind etwa die Romane „Katzenzungen“ und „Im Gehege“, die sie zusammen mit Martina Borger verfasste.
 

© Wolfgang Kerkhoff, 2008
Foto: zulujunky / Pixelio

 

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