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„Hopfen hat was“

Functional Beer: Strategien gegen Krebs und Bierbauch


 Mein Gott, eigentlich wollten wir doch immer nur Bier trinken! Jetzt stellt sich heraus: Wir haben dabei auch reichlich Xanthohumol zu uns genommen, haben nicht geringe Mengen von 8-Prenylnaringenin verzehrt.

Im ersten Fall war das gut, im zweiten schlecht. Xanthohumol hat jedenfalls ein positives Image; denn man kann jetzt immer besser nachweisen, dass es dem Körper wohl tut. Schlaganfall, Alzheimer, Herz und Kreislauf, Krebs - Xanthohumol bremst offenbar eine ganze Reihe von Krankheiten.

Zumindest kann sich das gut vorstellen, wer sich die Ergebnisse von Laborexperimenten ansieht. Was sich da in Reagenzgläsern abgespielt hat, lässt den Schluss zu, dass mit dem Hopfenbestandteil Xanthohumol die Pharmawirtschaft wohl einiges anfangen kann. Und die Hopfenwirtschaft freut sich: „ein beachtenswertes pharmakologisches Potenzial“ habe sie da zu bieten.

Dass Xanthohumol auch ohne Zutun der Arzneimittelindustrie seit Jahrhunderten im Bier vorkommt, ist wahrscheinlich mittelalterlichen Mönchen zu verdanken, die damit anfingen, beim Brauen das Hanfgewächs Hopfen als würzige Zugabe zu verwenden – statt so übler Sachen wie Ochsengalle oder Eichenrinde.

Den Äbten war das recht, denn das neue Bier beruhigte und sorgte für Keuschheit. Und den Mächtigen, die später einmal das legendäre Reinheitsgebot erfanden, war das wohl auch mehr als recht; denn sie ließen den Hopfen neben Gerste und Wasser (Hefe kam erst später) als einzigen Inhaltsstoff zu. Cannabis im sauberen deutschen Bier, das stelle sich einer vor!

Und so wurde durch die Jahrhunderte wahrscheinlich eine zumindest in Europa ziemlich flächendeckende Krebs- und andere Prävention betrieben.

Was Xanthohumol dabei genau anrichtet, ist in vitro gut untersucht. Aber was im Labor geht, geht nicht automatisch auch im Organismus. Um den Wirkstoff in vivo zu testen, braucht man größere Mengen, die sich nicht mehr im Milligramm-, sondern schon im Grammbereich bewegen.

Gerade das gab es bisher nicht. Gibt es aber nun; denn eine Naturstoffchemikerin an der Universität des Saarlandes hat die dazu notwendigen technischen Verfahren entwickelt. "Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen ein Kilo Xanthohumol liefern", sagt Dr. Aslieh Nookandeh, die inzwischen im Starterzentrum der Medizinischen Fakultät in Homburg eine Firma gegründet hat. Sie hat Patente für den deutschen und den amerikanischen Markt.

Aber dieser Markt ist noch gar nicht eröffnet. Die Nachfrage ist mehr als schleppend. Rechnerisch hätte die Wissenschaftlerin in den letzten Monaten schon ein Millionenvermögen zusammengetragen; denn bisher kostete schon eine Milligramm-Probe der Substanz 5 Euro.

Das angebotene Kilo Xanthohumol („Reinheit 99 %“) kann man aus 500 Litern eines Hopfenextraktes gewinnen, wie ihn etwa die Brauereien verwenden. Mit dem Kilo lassen sich jetzt auch die Tierversuche machen, die zeigen sollen, wo Risiken und Nebenwirkungen liegen.

Der Hopfen riecht etwas streng. In ihrem Labor zerbröselt Aslieh Nookandeh ein paar Dolden. "Ich habe sie in der Natur gefunden, direkt an der Saar, aber mitten in der Stadt", sagt sie. „Hopfen hat was.“

Was Hildegard von Bingen schon wusste, die seine weiblichen Blüten empfahl. Es ist nicht bekannt, ob die Klosterfrau auch den massenhaften Konsum von Bier nahelegte. Nur ein gutes halbes Pfund Hopfen kommt auf einen Hektoliter, und nur wer es also krügeweise schluckt, erreicht eine wirksame Dosis Xanthohumol. Er bekommt aber auch eine Fettleber. Woraus folgt, dass Bier kein Medikament ist.

Woraus aber auch folgt, dass man die Konzentration erhöhen muss, um die Wirkung von Xanthohumol sinnvoll auszunutzen. Das scheint auch zu gehen. Für die Therapie und als Lebensmittelzusatzstoff, da ist sich die Homburger  Forscherin ziemlich sicher, hat die Substanz eine große Zukunft: „Es muss nicht immer Bier sein.“

Trotzdem beschäftigt Gerstensaft sie jeden Tag. Sie spürt den anderen Problemfällen nach, die sich dort tummeln. Zum Beispiel das 8-Prenylnaringenin. Das ist ein weibliches Hormon, ein Östrogen aus der Hopfendolde. Was es macht, schätzen männliche Biertrinker gar nicht. Es fördert den Bierbauch und den Bierbusen. Auch das wusste Hildegard von Bingen schon, sie schrieb davon, dass „die Fleischpartien wachsen“. Hühner- wie Kälbermäster wissen es heute auch, sie steigern mit Hormonen die Produktivität ihrer Mast.

Wie wäre es also, wenn man diese Bestandteile, die dem Geschmack des Getränks nichts wesentliches hinzufügen, einfach herausfiltern würde, um die negativen Wirkungen zu vermeiden?

Aslieh Nookandeh: "Klar, das geht. Man könnte ein Männer- und ein Frauenbier machen. Beide schmecken gleich, aber wirken ganz anders, weil die weiblichen Hormone mal reduziert, mal normal, mal erhöht sind." Die Geschichte von den Potenzstörungen? Vorbei! Und Frauen könnten sich in den Wechseljahren an der Theke einen Gefallen tun, indem sie ihren Östrogenspiegel tunen und damit auch der Osteoporose vorbeugen.

„Functional Beer“, Wellness-Bier - ob die Brauwirtschaft auf so ein Designkonzept eingeht?

"Ich werde mein Verfahren verfeinern, um eine sowohl kostengünstige als auch geschmacksneutrale Lösung zu finden. Alles andere wird sich zeigen:" Auf jeden Fall werde die Entfernung des 8-Prenylnaringenin den konventionellen Brauprozess nicht beeinflussen, denkt die Chemikerin.

Ihre Firma heißt „Nookandeh-Institut für Naturstoffchemie“. In dessen Logo findet sich logischerweise der Hopfen wieder. Er ist eine alte Kulturpflanze, und doch auch eine terra incognita. Rund 300 verschiedene Inhaltsstoffe wurden beschrieben: Harze, Öle, Bittersäuren, Catechin – was immer das ist.

Jetzt kommt es darauf an, die Extraktionsverfahren weiter zu verbessern. Auch im physikalischen Sinn wird mit Hochdruck gearbeitet. Dann kann man genauer sehen, was die einzelnen Hopfen-Komponenten können und was nicht. "Ich habe noch ein paar Ideen, man muss einfach hartnäckig sein", lacht Aslieh Nookandeh. Biertrinkerin ist sie nicht.

© Wolfgang Kerkhoff, Januar 2004

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