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"Einatmen will ich die Zeit"  - Ein Saarpfalz- Lesebuch. M. Baus, B. Becker, F. Oberhauser (Hrg.), Gollenstein Verlag, Blieskastel, 2003, 349 Seiten.



Vezeehlches und andere Indizien

Landkreise sind oft reine Konstrukte, Verwaltungseinheiten ohne besondere Identität. Der Saarpfalz-Kreis am östlichen Rand des Saarlandes hat dagegen einen ausgeprägten Charakter; denn die Saarpfalz ist eine Landschaft mit reicher Vergangenheit. Wussten Sie etwa, dass hier einmal die größte Landresidenz Europas stand, Schloss Karlsberg? Wussten Sie, dass es hier eine gallo-römische Großstadt gab, die die meisten anderen in den Schatten stellte?

„Einatmen will ich die Zeit“ ist ein guter Titel für das Saarpfalz-Lesebuch. Denn es geht darin um große Zeiträume, um Funde aus der Antike, um Revolutionswirren, die Pogromnacht oder auch die Zeit, in der die Saarpfälzer zuerst mit französischen, dann mit Saar-Franken bezahlten.
Der älteste Text dieser Anthologie stammt von Theobald Hock, einem kauzigen Diplomaten, der aus der Gegend stammte und im Dreißigjährigen Krieg verloren ging. Seine Gebrauchslyrik („Ein schöne Fraw und ein schöns Pferdt sollen in vier stucken gleich sein“), 1601 im Band „Schönes Blumenfeld“ zusammengestellt, ist zumindest für Barockforscher eine wahre Perle.

Manche große Namen tauchen auf. Theodor Heuss etwa, der sich an seine Begegnungen mit dem saarpfälzischen Maler Albert Weisgerber erinnert. Oder Alfred Döblin, der als Militärarzt im Ersten Weltkrieg die Gegend erlebte und ihren Wein schätzte. August von Platen, der 1860 für seinen Reiseführer notierte. Und aktuell Ludwig Harig, der über keltische Gräber sinniert.

Aber der Großteil der 150 Texte ist von regionalen Autor(inn)en. Vieles war bisher unveröffentlicht oder nicht ohne weiteres greifbar. Da ist Industrie- und Gesellschaftsgeschichte, da ist Literatur oder einfach „Vezeehlches“, wie der Saarpfälzer sagt. Vieles, was man nicht wusste, auch wenn man hier lebt. Dass zum Beispiel eine - langsam versinkende - Sprachinsel des Jenischen existiert, gehört dazu. Oder dass es bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein auf dem Dorf magische Bräuche gab.

Anrührend ist der Beitrag einer Schulklasse, die sich 1988 mit einem Kruzifixstreit befasste, der während der Nazi-Zeit in ihrer Heimatgemeinde ausbrach („Christenkreuz oder Hakenkreuz“). Es ist eine Geschichte über Zivilcourage. 
Wer sich an der manchmal peinlichen Hobbylyrik stößt, die ebenfalls zu finden ist, möge sie einfach mit dem ethnologischen Blick lesen, als Indiz für das Leben der Saarpfälzer im Lauf langer Zeit. 

© Wolfgang Kerkhoff, Januar 2004

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