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Peter Scholl-Latour: Afrikanische Totenklage, C. Bertelsmann Verlag, München 2001, 473 Seiten.


Serengeti ist gestorben

Peter Scholl-Latour hat in seinem Journalistenleben viel erlebt, er hat viele Fragen gestellt, an den verschiedensten Orten der Welt, er hat knallharte Schlussfolgerungen gezogen und Voraussagen getroffen, deren Zuverlässigkeit auch Machthaber der jeweiligen Gastländer überraschte.

Jetzt ist der Mehr-als-70-Jährige dabei, die Summa seiner Reisen zu ziehen, und er greift dabei auf Material aus fünf Jahrzehnten zurück, Artikel und Tagebucheinträge aus lebhaft bewegten Zeiten. Das muss man wissen, wenn man die "Afrikanische Totenklage" zur Hand nimmt. Hier redet einer mit dem Abstand, der auch Mut macht, Dinge auszusprechen, die einer vielleicht lieber verschweigt, wenn er noch was werden will.

Es sind unkomfortable Wahrheiten. Über die Schande kolonialistischer Politik. Nein, nicht nur bei Kaiser Wilhelm, sondern auch in den Zeiten von Firestone, Elf-Aquitaine und vieler anderer ... Dafür stehen Passagen wie diese: "Ob sich am Ende ein modus vivendi zwischen Washington und dem ´Schurkenstaat´ Sudan finden lassen wird, dürfte wesentlich davon abhängen, ob die vom jetzigen US-Vizepräsidenten Dick Cheney patronierten Öl-Multis bei der Erschließung der Reichtümer des Bahr-el-Ghazal ihre Ansprüche verwirklichen können und nicht durch die protestantischen Fundamentalisten in USA, die die Unterstützung ihrer christlichen Glaubensbrüder der SPLA ("Volksbefreiungsarmee", w.k.) bei George W. Bush durchsetzen möchten, daran gehindert werden." Gut gebrüllt, Simba.

Aber er brüllt auch über die Unfähigkeit lokaler Akteure, Stammessysteme zu überwinden, über nationalen Egoismus, moralische Defizite afrikanischer Politik. Scholl-Latours Diagnose, auf den Erdteil bezogen, ist alles andere als optimistisch. Von Bernhard Grzimek gab es einmal einen Titel: "Serengeti darf nicht sterben". Da ging es vor allem um Fauna und Flora. Jetzt geht es um Staaten, Gesellschaften, Menschen. Wann stimmt man eine Totenklage an? Wenn es zu spät ist. Im Untertitel steht: "Der Ausverkauf des Schwarzen Kontinents."

Man hat bei der Lektüre nicht den Eindruck, dass es auch nur ein einziges Land in Schwarzafrika gibt, in dem die Dinge gut ausgehen könnten. Der Autor beschreibt das alles anhand von Situationen, die er selbst erlebt (von mir aus auch konstruiert) hat, und die jede auf ihre Weise für das Ganze stehen und dem Ganzen einen Aspekt hinzufügen. Man merkt die innere Beteiligung, die in manchen Texten steckt.

Wenn er ein junger Journalist wäre, müsste man Peter Scholl-Latour immer wieder belehren. Schreiben Sie nicht "Herde", wenn es um japanische Touristen geht. Egal, ob es scherzhaft gemeint ist. Schreiben Sie bitte auch nicht "Neger". Und lassen Sie vor allem die sexistischen Anspielungen auf vorhandene oder abwesende Schönheit von Frauen!

Und, wichtig: schreiben Sie nicht "Terrorist" in Anführungszeichen, wenn von Osama bin Laden die Rede ist. Das Buch wurde laut Vorwort im Sommer 2001 fertig gestellt. Aber was Osama bin Laden für einer ist, das wusste man doch. Es ist oft von Rassen die Rede, von rückständigen Völkern, schwarzem Gesinde ... Man neigt dazu, es dem sportlichen Denker widerwillig durchgehen zu lassen.

Sportlich auch in anderer Hinsicht: Scholl-Latour überschüttet einen wirklich mit Details. Manchmal wünscht man sich, er würde nicht alles in seinem Gedächtnis oder in seinen Kladden wiederfinden. Andererseits sind seine Schilderungen wahrscheinlich nicht einmal halb so komplex wie die afrikanische Wirklichkeit.

"Es besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Globalisierung und Kolonialismus", schreibt der amerikanische Journalist William Pfaff in der "Los Angeles Times". Scholl-Latour zitiert ihn, zustimmend. Da ist dann wirklich nicht mehr viel Platz für Zukunft.

©  Wolfgang Kerkhoff, September 2002

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