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Klaus Wowereit (mit Hajo Schumacher): „… und das ist auch gut so.“ Mein Leben für die Politik. Karl Blessing Verlag, 2007. 288 Seiten, 19,95 Euro


Keine Memoiren, keine Bewerbung

Klaus Wowereit hat zusammen mit dem Journalisten Hajo Schumacher ein Buch geschrieben. Reflexartig rühren viele Redaktionen im Kaffeesatz: Da redet einer nur positiv über sich, pfui Teufel! Da schreibt einer mit 53 seine Memoiren, sehr verdächtig! Da bewirbt sich einer um die Kanzlerkandidatur, hört, hört!
Beide Autoren sind Profis des darstellenden Fachs, deshalb kann man davon ausgehen, dass dieses Buch ungefähr so aussieht, wie es aussehen sollte (und der Blessing-Verlag es wollte).
Dass einer positiv über sich redet, ist so abwegig ja nicht. Allerdings: Wenn man zu laut in den Wald hineinruft, sind die Hasen weg. Deshalb hätte Wowereit auf epigrammatische Schützenhilfe von Sabine Christiansen („eine ehrliche Haut“) und anderen leicht verzichten können. Im übrigen gibt es durchaus selbstkritische Töne, etwa im Zusammenhang mit der Berliner Großen Koalition.
Memoiren sind es auch nicht. Jedenfalls keine, die irgendeinen Endpunkt markieren. Es sind Erinnerungen an Lebensphasen. Manches mag verklärt sein, anderes jedenfalls nicht. Dass der Sohn – damals hauptamtlicher Stadtrat in Tempelhof - seine sterbenskranke Mutter lange im Elternhaus umsorgt, ist zum Beispiel eine wichtige Information. Diese war vor dem Buch nicht auf dem Markt.
Eine Bewerbung um höhere Ämter? Die hätte mit Sicherheit anders ausgesehen. Dies ist kein programmatisches Buch. Das rein Politische fließt an vielen Stellen ein („Armutsdebatte … viel zu oberflächlich“, „Generell darf die SPD nicht den Fehler machen …“), ist aber auch dann keine Hauptsache. Bildungspolitik spielt eine große Rolle, denn sie hat Wowereit seit den Tempelhofer Zeiten immer begleitet.
„… und das ist auch gut so.“ – Das ist einfach ein Buch, das ohne viel Gedöns aus dem Leben und Denken eines prominenten Menschen berichtet. Eine „politische Standortbestimmung von hoher Brisanz“, wie der Verlag notiert? Nein. Aber es gibt viele schöne Stellen. Dazu gehören Passagen, die den notorisch gut gelaunten Politikprofi eher skeptisch gestimmt zeigen. Etwa die auf Seite 157: „Gegen Aufsässigkeit und Gehorsams-Skepsis ist nichts einzuwenden, doch in der Sozialdemokratie hat sich daraus eine stabile Mobbingkultur entwickelt, die sich überwiegend im Halbdunkel abspielt. Keine Partei in Deutschland verbringt soviel Zeit damit, sich selbst zu zerfleischen. Wobei unser Politikangebot dadurch nicht besser wird.“
Sehr kritisch setzt sich der Regierende Bürgermeister auch mit den Medien auseinander. Dass Verhandeln eine ebenso verantwortungs- wie anspruchsvolle Haupttätigkeit von Politikern sei, werde zum Beispiel kaum vermittelt. Meinungsverschiedenheiten würden als „Streit“ hochstilisiert, die Lösung eines Problems dann kaum noch beachtet. Das ist wohl wahr.
Klischees („Party-Löwe“) dominieren die echte Information. Nicht nur Boulevard-Journalisten „hetzen“ Politiker. Redakteure haben keine Interesse, ernsthaften Themen auf den Grund zu gehen. Das ist eine Medienwelt, die Wowereit sogar als „eine echte Gefahr für die Demokratie“ sieht. So etwas wird selten ausgesprochen, weil „Medienschelte“ aus Angst vor Retourkutschen in der Politik zu einem Tabu wurde. Besonders demokratisch sind diese Zustände aber nicht.
„Es macht mich ratlos und kurzfristig auch wütend“, schreibt Wowereit, „dass kluge Menschen in vollstem Bewusstsein weite Teile der Realität ausblenden können, müssen oder wollen. Es ist schon dramatisch, wie weit die journalistische und die politische Welt auseinanderklaffen.“

© Wolfgang Kerkhoff, 2007

Foto: hofschlaeger@pixelio

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